MACH’ ZUM FREUND UND GEFÄHRTEN DIR EINEN GILDENBRUDER VON MIR!
LETZTENDLICH MUSS ES DIR GUT GELINGEN,
EINEM MENSCHEN DAS GLÜCK WIEDERZUBRINGEN!“
Inhalt
Die böse Zauberin Gothel, die das Baby Rapunzel von ihrem Vater als Preis für seinen Diebstahl ihrer Rapunzeln verlangt, ist im morkie ganz anders geartet. Sie ist die mächtige, reiche Zauberin Ruwina, die selbst keine Kinder hat und Rapunzel sehr gut behandelt.
Als Rapunzel ein Teenager wird, sperrt sie sie dennoch zu ihrem Schutz, wie sie meint, in einen Turm. Als die Zauberin Rapunzel und Prinz Iwein, die sich in einander verliebt haben, bei der Flucht aus dem Turm erwischt, stößt sie ihn nicht hinab in die Dornenhecke, sondern lässt ihn durch einen Zauberspruch erblinden. Sie gibt ihm auch die Chance, 3 Aufgaben zu bewältigen, um wieder sehen und Rapunzel finden zu können.
Rapunzel kann zaubern, widersetzt sich der Zauberin und ist durch magische Gedankensteine mit dem Prinzen in Fernverbindung. Mittels dieser beiden Märchen-Smartphones unterstützt sie Iwein mit klugen Ratschlägen. Sie muss aber zur Strafe für ihren Verrat in einer Einöde allein leben. Im Originalmärchen gebiert sie dort die Zwillinge des Prinzen. Die Tränen der Wiedersehensfreude heilen die Augen des Prinzen. Das Happy End im morkie sieht anders aus. Lasst euch überraschen.
Wissenswertes
Märchentypus und -verzeichnisnummer
ATU 310 (Das Mädchen im Turm), KHM 12
Entwicklungsgeschichte des Märchens
Das zentrale Motiv des im Turm eingesperrten Mädchens ist aus der griechischen Mythologie, „Danaë“, und der christlichen Legendenbildung, „Heilige Barbara“, bekannt. Darauf beruhend erschien postum Giambattista Basiles „Petrosinella“, zu Deutsch Petersilie. Es wurde 1634 in Neapel veröffentlicht und ist das älteste Rapunzelmärchen Europas. Sie ist listig und aktiv und entflieht mit Hilfe magischer Eicheln. Der Turm ohne Türe stammt von Charlotte-Rose de Caumont de La Force, 1697, in Frankreich. Die Übersetzung von „Petrosinella“ bzw. „Persinette“ in „Rapunzel“ verdanken wir Friedrich Joachim Christoph Schulz, 1790, Deutschland. Diese Version haben die Brüder Grimm 1812 übernommen.
Figurenkonstellation und Charakteristika
Hexe, Frau Gothel: Sie steht hier bei den menschlichen Figuren, weil sie keine klassische, böse Märchenhexe ist. Dies zeigt auch ihr Name, Frau Gothel, der eine alte Bezeichnung für die Patin, die spätere Patentante ist. Sie ist eine überbehütende, besitzergreifende Mutterfigur, die typische Glucke, und leidet unter Kontrollverlustangst und Verleugnung ihres Älterwerdens.
Mutter: Sie ist schwanger, nicht krank. Sie ist gierig und unbeherrscht und verlangt ihrem Mann alles ab.
Prinz: Er ist der typische jugendliche, romantische Held. Er reift durch seine Erblindung und die Bewältigung seiner Aufgaben. Dadurch wird er erwachsen und für Rapunzel ein adäquater Partner.
Rapunzel: Sie ist ein Baby, das von den biologischen Eltern einer sozialen Mutter überantwortet wird. Sie wächst heran und wird zu Beginn der Pubertät in einem Turm von der Außenwelt isoliert. Sie ist in kindlicher Abhängigkeit und Gehorsam aus Angst gefangen, wird aber zunächst in der Pubertät und danach durch die Beziehung zum Prinzen immer selbstständiger.
Vater: Er ist der schwächste in dieser Konstellation. Er kann sich weder gegen die unersättlichen Wünsche seiner Frau noch gegen die vermeintliche Macht der Zauberin durchsetzen und opfert sein Kind.
Symbole und ihre Wirkmacht im Originalmärchen
Schlüsselelemente: eingesperrtes Mädchen, Erblinden, lange Haare
Erblinden: Der Prinz ist für eine Partnerschaft zu unreif, er muss erwachsen werden.
Haare Abschneiden: Es symbolisiert Kastration, Entzug der Macht, Entehrung und Desexualisierung.
Lange Haare: Sie stehen für Lebenskraft, Fruchtbarkeit und Sexualität. Hier sind sie überdies der einzige Weg zu sozialen Kontakten außer dem zur Mutter / Patin / Zauberin.
Rapunzeln: Sie bedeuten unkontrollierbare Gier und Sucht.
Seidentücher: Sie sind Geschenke des Prinzen bei seinen Besuchen. Manche interpretieren sie als Bezahlung für Rapunzels sexuelle Dienste, andere sehen darin ihre Absicht eines selbstbestimmten aktiven Ausbruchs.
Tränen: Sie symbolisieren die emotionale Reinigung, die Reue über den Betrug und die heilende Kraft der Liebe.
Wüste: Prüfung, Entbehrung spirituelle Reifung
Zauberstab: Er kommt nur in Varianten des Märchens vor und steht für künstliche, manipulative Macht. Im Original der Brüder Grimm agiert die Zauberin mit Wortmacht oder Naturmagie.
Moderne Interpretationen: Film, Fernsehen, Psychologie
„Barbie als Rapunzel“, 2002
„Rapunzel – Neu verföhnt“, 2010, Disney
„Into the Woods“, 2014, Film und Musical
„Rapunzel-Syndrom“, in der Psychoanalyse, z. B. nach Eugen Drewermann, ist es die Standard-Metapher für die Unfähigkeit von Jugendlichen, sich aus symbiotischen, krankhaften Elternbeziehungen, die durch Kontrollzwang, Angst vor Machtverlust und maternalistische oder paternalistische Ansprüche der Erziehungsberechtigten gekennzeichnet sind, zu lösen.
Postmoderne Experimente: Literatur und Retellings
„Cinder-Chroniken“, Band 3 „Cress“, Marissa Meyer, Science-Fiction-Variante, Rapunzel ist als Hackerin in einem Weltallsatelliten gefangen.
„The Bloody Chamber“, Angela Carter und viele feministische Autor(inn)en thematisieren in Kurzgeschichten mit dem Rapunzelmotiv das Patriarchat, die Auflehnung gegen sexuelle Unterdrückung und das Recht auf Selbstbestimmung.